Alte Tradition, junge Wadln

Wie vier Berchtesgadener Buam das Kneippen für sich entdeckt haben – und warum sie längst nicht zu jung dafür sind.

Von Blog-Autorin Claudia Schülein

Es ist kurz vor Mittag, der erste Tag der „tropischen Woche“ 2026. Im Löslerpark in Schönau a. Königssee bewegt ein sanftes Lüftchen die Blätter der alten Linden – Abkühlung bringt es keine mehr. Zwei Autos fahren vor, vier junge Männer marschieren den Kiespfad herunter, allesamt in Lederhose. Zwei von ihnen tragen eine Kiste Bier zwischen sich.

Florian

Normalerweise kommen wir nicht in Lederhose. Aber wir haben uns gedacht: So erkennt gleich jeder, dass wir einheimische Buam san.

Die Kiste wandert ins Becken, ins Kneippbecken, um genau zu sein. Denn wir befinden uns am Naturstein-Kneippbecken im Löslerpark. Das kalte Gebirgswasser ist die beste Kühlung fürs Bier und die beste Abkühlung für die Wadln. 

Florian, Anton, Niklas und Thomas treffen sich seit Jahren regelmäßig an den Kneippbecken der Region. Der Anlass wechselt: Vor dem Soccer Golf, zur Belebung und Vorbereitung der Füße, nach einer Bergtour, zur Regeneration mit der quasi natürlichen Eispackung oder einfach nach Feierabend. Was gleich bleibt: Drei Durchgänge, jeweils mindestens 60 Sekunden im Wasser,– und ein eigens gewählter Kneipp-Song, der exakt eine Minute lang läuft und vom Beckenrand aus den Takt vorgibt.

Das Kneippbecken im Löslerpark

Ihr Lieblingskneippbecken ist das im Löslerpark. Aus einem Swimmingpool-türkisen Betonbecken wurde vor ein paar Jahren in einem Renaturierungsprojekt ein ovales, mit Natursteinen eingefasstes, Bassin, das sich perfekt in die Umgebung einpasst und wie ein natürlicher Teich im Wald wirkt. Handläufe und Wasserhahn sind aus Gusseisen, die Bänke aus Holz. Es gibt eine gemütliche, ergonomisch geformte Liegebank. Ein Ort, der Ruhe und Entspannung verspricht. 

Wie das alles begann?

Wir saßen beim Thomas zum Grillen und Fußball schauen,“ erinnert sich Florian. „Sein Vater hat uns aufs Kneippen gebracht, und wir wussten sofort: Das probieren wir aus.“ Weil es so gut tat – und „weils einfach a Gaudi is“ – wurde daraus eine feste Tradition.

Zwei der vier sind Bäcker. Thomas erklärt nüchtern, warum das Kneippen für ihn doch auch mehr als ein Spaß ist: „Das Kneippen fördert die Durchblutung, regt den Kreislauf an und beugt Krampfadern vor. Das ist für uns extrem wichtig, wo wir in der Arbeit stundenlang stehen.“ Oft kommen sie direkt nach der Frühschicht, wenn sie seit Mitternacht in der Backstube standen. Anton, Krankenpfleger in einer Salzburger Klinik, ist der Kneipp-Experte der Runde. Die fünf Säulen der Kneippschen Lehre – Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen, Lebensordnung – lässt er seine Freunde so lange aufsagen, bis sie fehlerfrei sitzen. Und Niklas, der zweite Bäcker, achtet auf die Technik: „Die Füße müssen beim Storchengang ganz aus dem Wasser herausgehoben werden – nur so bekommt man den vollen Effekt.“

Unter den alten Bäumen des Löslerparks, während die Kälber im Schatten dösen und die Hühner vom Nachbarhof durchs Gras scharren, staksen die vier im Storchenschritt durchs Becken. Ehrliche Reaktionen inklusive. „Des spürst in de Wadln.“ „Boah, scho frisch heid.“ Und irgendwann, mit einem Lachen: „Einfach perfekt bei dera Hitz‘.“

Danach: Bank, Bier, nasse Beine in der Sonne. „Jeder, der kneippt, ist ein Gewinner!“, resümiert Florian – und die anderen nicken kräftig. Es geht ihnen um Gesundheit, klar. Aber vor allem geht es ums Zusammenkommen, ums Abschalten, um diese halbe Stunde, in der nichts anderes zählt als das kalte Wasser und die gute Gesellschaft.
 

Eine Tradition, die gelebt wird, muss nicht altmodisch sein

Das Kneippbecken im Löslerpark in Schönau a. Königssee ist jederzeit frei zugänglich. Wer kommt, findet alte Bäume, Ruhebänke, Natursteine – und vielleicht vier Buam, die beweisen: Eine Tradition, die gelebt wird, muss nicht altmodisch sein.