Eine Tradition, die Generationen überdauert
Beitrag von Blog-Autorin Claudia Schülein
Bilder von Sepp Wurm
Beitrag von Blog-Autorin Claudia Schülein
Bilder von Sepp Wurm
Still und verlassen liegt die Hütte des Schnalzervereins in Ufering inmitten von Äckern und Wiesen. Aus groben Holzbalken ist sie gezimmert, in die geschlossenen Fensterläden sind zwei Herzen geschnitzt, über das Ziegeldach erheben sich zwei große, stolze Birken. Gleich neben der Hütte erinnert ein Marterl mit einem Kruzifix den Vorbeikommenden an den göttlichen Erlöser. Die Landschaft ist sanft hügelig – ganz typisch für das schöne Voralpenland, in das sich der Rupertiwinkel einschmiegt. Da durchbricht das Geknatter eines Zweitaktermotors die Stille. Die Esterer-Geschwister können es Anfang Dezember nicht erwarten und kommen zu einer Stippvisite ins Vereinsheim. Bernhard ist 16 Jahre alt und lenkt das blaue Mofa, das so manchen Burschen vom Land durch die Jugendjahre begleitet. Beim Absitzen schiebt er sich lässig den Helm ins Genick und und hilft seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Stefanie.
Ihre Augen blitzen wissbegierig, und ihr langes braunes Haar fällt glatt auf die Schultern. Vor Kurzem hat sie sich an der Landwirtschaftsschule beworben. Ihr Wunsch wäre es, irgendwann gut ausgebildet einen Bauernhof zu führen. Oder als Kindergärtnerin zu arbeiten – das könnte sie sich auch gut vorstellen. Aber heute denken die beiden nur ans schnoazn, das Aperschnalzen, das sich laut ersten Aufzeichnungen schon im 18. Jahrhundert nicht nur im Rupertiwinkel als beliebter Volksbrauch etabliert hat.
Bis ins Salzburgerische und ins Chiemgau rund um das Bayerische Meer gibt es in Vereine zusammengeschlossene Bassn, Gruppen aus sieben oder neun Personen, die gemeinsam schnalzen. Und geschnalzt wird mit der Goassl, einem peitschenähnlichen Gegenstand mit festem Holzgriff und einem gewundenen, stark eingefetteten Seil.
Um Rhythmus geht es, um Lautstärke und Frequenz. Bruchteile von Sekunden werden den Schnalzern bei Wettbewerben zum Verhängnis. Mit höchster Konzentration lauschen die beiden Geschwister einer Tondatei auf dem Handy: „Das sind die Gewinner beim letzten Preisschnalzen“, bewundert Bernhard die präzisen, schnellst aufeinander folgenden Knaller, die sich in den kahlen Ästen der Birke über der Hütte verlieren. Zu Hause bei den Esterers macht der Kachelofen das Wohnzimmer des Bauernhauses in Teisendorfs Ortsteil Warisloh gemütlich warm. Steffi s Mama Petra ist die Gastfreundschaft in Person. Steffi aber kommt hier kaum zu Wort. Die Begeisterung ihres Vaters erfüllt den Raum. Fast greifbar, deutlich spürbar ist seine Leidenschaft fürs Aperschnalzen. Dass Steffi fast das einzige Mädl im Uferinger Verein ist, stört ihn überhaupt nicht. Bernhard senior sagt: „Du merkst sofort, wer das Schnalzen kann und wer nicht. Und wer es kann, soll es machen, egal ob Bua oder Diandl.“
Sichtlich stolz ist er, dass seine beiden Kinder in seine Fußstapfen treten. Und dann erzählt er, als wolle er nie enden. Von den legendären Erfolgen und den derben Enttäuschungen beim Preisschnalzen, von den rund 1.800 Aktiven in 120 Bassn, die vor Tausenden Zuschauern alles geben. Von den Computerprogrammen, die Frequenz, Lautstärke und Rhythmus der Duscha messen. Von der Besonderheit des Handwechsels im hiesigen Verein, der das Schnalzen noch herausfordernder macht. Und davon, wie Steffi bereits im Alter von 5 Jahren im Hof hinterm Haus zum ersten Mal geschnalzt hat. Ihre Kindergoassl hängt jetzt noch zwischen all den anderen im Vereinsheim. Manchmal nimmt sie sie liebevoll vom Haken herunter und vergleicht Länge und Gewicht mit ihrer jetzigen. Sehnsüchtig stehen die beiden Geschwister mit der Goassl in der Hand vor dem Vereinsheim – es würde sie so reizen, aber jetzt Anfang Dezember dürfen sie noch nicht: per Brauchtumsregel strengstens verboten. Seit ihren Kindheitstagen freuen sie sich jedes Jahr auf den Stefanietag.
Denn an 26. Dezember beginnt die jährliche Schnalzersaison: „Passgenau an meinem Namenstag – das macht mich richtig stolz!“ lächelt Stefanie aus Warisloh.
Vom Stefanietag bis zum Faschingsdienstag treffen sich die Schnalzer zwei- bis dreimal pro Woche zum Üben. Außerdem treten sie bei Umzügen, in der Schuleund natürlich bei Wettbewerben auf. Die Saison ist relativ kurz, aber sehr intensiv. „Am meisten mag ich das Beisammensein im Verein. Von zu Hause rauskommen und gemeinsam für etwas trainieren – das begeistert mich“, erklärt Steffi ihre Leidenschaft für das Schnalzen. Anstrengend sei es, harte Muskel- und Ausdauerarbeit sei gefragt. „Und bei den Wettbewerben bin ich am Anfang so wahnsinnig aufgeregt. Aber sobald ich den ersten Duscha getan habe, verfliegt alles, und ich bin in meinem Element!“, merkt man ihr die Vorfreude an. Wie das Schnalzen entstanden ist – ob als Fruchtbarkeitsritual zum Frühjahr hin, als Verständigungsmittel während der Zeit der Pest oder als Lärmbrauch, der die Kälte und Dunkelheit des Winters vertreiben sollte –, ist unklar. Dennoch hat die UNESCO 2014 das Aperschnalzen als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Und mit Steffi wird dieses wunderbare Brauchtum weiterleben: „Wenn ich mal Kinder habe, sollen die das Schnalzen unbedingt auch lernen“, sagt sie überzeugt und blickt besonnen auf ihre Kindergoassl.