„Zwei Minuten schon,“ ruft das Mädchen am Ufer und blickt auf seine Stoppuhr am Handy.

Die sonst so schroffen Felswände des Gebirges im Hintergrund wirken durch den vielen Schnee ganz weich. Der dunkle Bergwald ist tief verschneit. Kleine, federleichte Wölkchen schweben über den strahlend blauen Himmel und schmiegen sich an die Berghänge von Jenner, Hohem Brett und Hohem Göll. Auch die Bäume an der Seelände und die Bootshütten der Königssee-Schifffahrt tragen Schneemützen. Ein paar Enten schwimmen seelenruhig vorbei und hinterlassen eine V-förmige Spur auf dem spiegelglatten See mit seinem türkisgrünen Wasser. Heute zeigt sich der Winter am Königssee von seiner traumhaftesten Seite.

Doch reißen wir uns los von der sagenhaft schönen Natur am winterlichen Königssee. Warum stoppt das Mädchen dort am Ufer die Zeit? Und mit wem spricht es? Wer seinem Blick folgt, entdeckt sie: Die drei unerschrockenen Frauen, die dort im eisigen Königssee stehen. Das Wasser reicht ihnen bis unter die Achseln, die Arme strecken sie in die Höhe. Sie tragen dicke Mützen und Handschuhe. Und sie strahlen.

„Danach fühle ich mich wie neugeboren,“ schwärmt Annemarie Wembacher. Seit 2023 trifft sie sich mit Nathalie Wurm und Antonia Fries zwei bis drei Mal die Woche zum Eisbaden am Königssee. Oft haben die jungen Frauen ihre Kinder dabei. Die neunjährige Emma nickt kräftig: „Klar, möchte ich das auch mal ausprobieren, wenn ich groß bin!“

Oft kommen die drei Berchtesgadenerinnen schon ganz in der Früh, nachdem sie die Kinder in die Schule verabschiedet haben und bevor sie in die Arbeit gehen. Morgens um Viertel vor acht sei es am Schönsten, erzählt Nathalie und beschreibt eine nahezu mystische Stimmung: „Wenn der Nebel sich hebt, ist es so ruhig hier. Kein Mensch weit und breit zu sehen. Und drüben in den Bootsgaragen üben die Schifffahrtler ihr Flügelhorn für das berühmte Echo vom Königssee – einzigartig.“

Eisbaden scheint voll im Trend zu sein. Immer mehr körper- und fitnessbewusste Menschen wagen den Sprung ins eiskalte Wasser. In natürlichen Gewässern, in winterlichen Flüssen, Seen oder im Meer, wird Eisbaden zum echten Naturerlebnis. Es kann das Immunsystem stärken, die Durchblutung verbessern, Stress abbauen, Entzündungen reduzieren und die Regeneration fördern.

„Langsam ins Wasser hineingehen, sowie tief und ruhig ein- und ausatmen,“ sei das A und O, erklärt Antonia. Mit der bewussten Atmung kann bei Eisbaden ein Kälteschock vermieden werden: „Sobald die Schnappatmung kommt, wird es schwierig.“

Annemarie, Antonia und Nathalie kommen vor allem im Winterhalbjahr ab dem Spätsommer bis ins Frühjahr hinein an den Königssee. Wenn Schnee liegt, so wie heute, bekommt das Eisbaden seine ideale Kulisse. Heute hat das Wasserwirtschaftsamt an der Messstation im Königssee 3,5 Grad Celsius Wassertemperatur gemessen. „Unser kältestes Eisbad war bei 2,4 Grad“, lächelt Annemarie stolz. „Wir baden bei jedem Wetter. Einmal standen wir bei heftigem Regen mit bunten Kinderschirmen im Wasser,“ erinnert sie sich schmunzelnd.

Suchtgefahr, bescheinigen die drei einhellig. „Beim Eisbaden kannst Du den Kopf ausschalten. Das ist Zeit nur für mich. Und ich schlafe dann so gut,“ schwärmt Nathalie.

Vorsichtig und langsam bewegen sich die Frauen nun aufs Ufer zu. Knapp drei Minuten waren sie ruhig und regungslos im eisigen Wasser gestanden. Die Kinder eilen mit den rosa-grau-gestreiften Badeponchos auf ihre Mütter zu. Diese Frotteeumhänge haben sie im Set gekauft: „Es ist sind schon viele zum Ausprobieren mitgekommen, aber regelmäßig und dauerhaft sind nur ganz wenige im harten Kern,“ erinnert sich Annemarie. Einmummeln und abreiben heißt es jetzt. Sie zerren die nassen Neoprenschuhe von den klammen Füssen und beeilen sich, in ihre trockene Kleidung zu kommen. „Es bitzelt so richtig, wie 1.000 Nadelstiche und die Haut wird durch die starke Durchblutung feuerrot,“ beschreibt Antonia ihren Zustand. Nathalie friert gar nicht: „Der Körper heizt von innen heraus.“

Kurz scharen sie sich mit ihren Bechern noch um die Thermoskanne – eine bringt immer heißen Tee mit. Dann brausen sie in ihren Autos davon – zurück in den Alltag, den sie durch ihr mutiges Bad im Eiswasser für kurze Zeit vergessen konnten.