Peter Renoth

Berchtesgadens Gedächtnis unter dem Rathausdach

Von Blog-Autor Sepp Wurm

Ein Ruhestand, der keiner ist: Wie Peter Renoth als Archivpfleger die Ortsgeschichte für kommende Generationen bewahrt

Peter Renoth aus Berchtesgadens Ortsteil Maria Gern ist einer jener Menschen, für die der Begriff „Ruhestand“ im wahrsten Sinn des Wortes undenkbar ist. Nach einem erfüllten Arbeitsleben als stellvertretender Betriebsleiter der Bayerischen Staatsforsten in Berchtesgaden bewarb er sich beim Bürgermeister, als die Stelle ausgeschrieben war. Seit 2021 pflegt er also nun mit vollstem Einsatz das Archiv der Marktgemeinde. Sein Reich liegt direkt unter dem Dach des Rathauses, zwischen der Kirche St. Andreas und dem alten Kanzlerhaus.

Peter Renoth bei der Archivpflege

Arbeitsplatz mit Traumaussicht

Von seinem Schreibtisch aus genießt Peter einen spektakulären Blick auf den majestätischen Watzmann. Und die Türme der Stiftskirche spitzen ebenfalls zum Fenster herein – es macht beinahe den Eindruck, die Etage mit den Glocken befinden sich auf gleicher Höhe.

Im Zentrum des großen Raums steht ein imposanter Sitzungstisch mit acht Stühlen, deren halbrunde Lehnen Geschichte erzählen: Hier tagten einst die Gemeinderäte aus Salzberg, bevor diese Gemeinde sich durch die Gebietsreform zum 01.01.1973 der Marktgemeinde Berchtesgaden angeschlossen hat. Diese Möbelstücke selbst sind also eindrucksvolle Zeitzeugen und passen perfekt in einen Raum, in dem sich auf jedem Quadratmillimeter spannende Geschichten vergangener Zeiten verstecken.

  • Büro von Peter Renoth
  • Alte Möbelstücke

Zwischen Tradition und Moderne

Die in Leder gebundene Urkundensammlung der Geburts-, Heirats- und Sterberegister reichen bis ins Jahr 1876 zurück und beflügeln die Fantasie: So viele gelebte Leben, so viele bewegende Schicksale aus so vielen unterschiedlichen Zeiten. Gleichzeitig geht es an Peters Schreibtisch hochmodern zu: Topaktuelle Technik zum Bearbeiten und Archivieren von Dokumenten steht hier bereit. Weiter wartet ein Scanner für großformatige Papiere, der ein bisschen aussieht wie eine Heißmangel. Durch ein Oberlicht sieht der Besucher den Watzmann über den Hausdächern herein lugen.

  • Regale und Scanner
  • Stahlschrank mit Akten
  • Aktenschränke
  • Peter Renoth neben Aktenschrank

Stolz des Archivs: Der Berchtesgadener Anzeiger

Besonders stolz bin ich auf unsere nahezu lückenlose Sammlung der hiesigen Zeitung – des Berchtesgadener Anzeigers“, gesteht Peter und zeigt auf die langen Reihen großformatiger, in schwarzes Leder gebundener Ausgaben. Daneben befindet sich die Bibliothek des Gemeindearchivs. Peter erwirbt für die Sammlung teilweise sehr alter Bücher auch regelmäßig neue Werke, die für Berchtesgaden relevant sind. Aktendeckel, Schachteln, Mappen – alle enthalten Urkunden, Sitzungsprotokolle, Pläne, Zeichnungen und Verträge.

  • Geburtenbuch Berchtesgaden
  • Bibliothek des Gemeindearchivs
  • Akten, Verträge und vieles mehr

In einem alten Holzkoffer, mit Klebestreifen geflickt, verbirgt sich eine eindrucksvolle Sammlung von Skizzen und Entwürfen von Georg Waltenberg und dessen Tochter Virginie. Der bekannte Künstler mit Schwerpunkt auf Portrait- und Historienmalerei verbrachte einen Großteil seines Lebens in seiner Wahlheimat Berchtesgaden, wo er zum Ehrenbürger ernannt und eine Straße in der Nähe der Obersalzbergbahn-Mittelstation zu seinem Gedenken benannt wurde. 1961 starb Waltenberg in seinem Haus am Salzberg. Seine Tochter trat in seine künstlerischen Fußstapfen und spezialisierte sich auf die Darstellung von Blumen.

  • Entwürfe des Künstlers Georg Waltenberg
  • Alter Holzkoffer
  • Sammlung von Skizzen und Entwürfen

Das Schmuckstück: Die Faistenauer-Karte

Sorgfältig und behutsam entfernt Peter mehrere Schnüre, die zwei Holzplatten zusammenhalten. „Hierin befindet sich das Schmuckstück unseres Archivs – die Faistenauer-Karte!

1628 schuf der begnadete Berchtesgadener Künstler, Vermesser und Kartograf Hans Faistenauer die berühmte Holzschnittkarte „Das Landt und Frl. Stifft Berchtolsgaden, mit den anstossenden Grentzen“. Bekannt ist Faistenauer auch für die Fassadenbemalung des Hirschenhauses in der Berchtesgadener Fußgängerzone.

  • Das Schmuckstück
  • Die Faistenauer-Karte

Kunst als Kritik

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts herrschten im Stift alles andere als klösterliche Zustände. Statt „Ora et labora“ prägten Raffgier, Wein, Frauengeschichten und Verschwendungssucht den Lebensstil des damaligen Fürstprobsts und seiner Gefolgschaft. Faistenauer nutzte seinen Beruf und kritisierte die Obrigkeit mit einer äußerst gewagten, zweideutigen Malerei an einer Hausfassade inmitten des Ortskerns von Berchtesgaden.

Seine Darstellung ist voller Symbolik: Affen, Tiere, die damals List, Bosheit und Hass versinnbildlichten, spielen Szenen des höfischen Lebens. Ein Murmeltier lugt aus dem Eck – seine Augen sind echte Spiegel als Symbol für die Widerspiegelung der Zustände. Eine Jagdszene trägt den vieldeutigen Spruch: „Duck dich Häschen, laß es über dich ergehen, denn Gewalt will recht behalten.“ Diese Zweideutigkeit rettete dem Kunstwerk die Existenz: Bezog sich beispielsweise der Spruch auf die Szene mit Hund und Hase oder auf die willkürliche Rechtsprechung jener Tage? 1615 wurde schließlich aufgeräumt – die wilden Zeiten endeten, klösterliche Zucht und Ordnung kehrten zurück. Die Hausfassade blieb erhalten und gibt dem Gebäude noch heute den Namen „Affenhaus“.

Lebendiges Archiv für alle

An zwei Vormittagen pro Woche ist Peter im Archiv und beantwortet Anfragen verschiedenster Art: Privatpersonen auf Ahnenforschung, Historiker, Studierende und Schüler suchen hier ebenso Unterstützung wie Nachlassverwalter und Anwälte in Erbschaftsangelegenheiten.

„Die Aufgabe des Archivs ist es, die Ortsgeschichte zu konservieren und für zukünftige Generationen zu bewahren„, fasst Peter seine Mission zusammen – eine Mission, die er mit Leidenschaft und Expertise erfüllt.