Vom Kneippschen Espresso...
...im Bergkurgarten im Bergsteigerdorf RamsauVon Blog-Autorin Claudia Schülein
Von Blog-Autorin Claudia Schülein
Jetzt sind wir gerade einmal ein paar Schritte gegangen und stehen schon vor einer echt Berchtesgadener Kulturlandschaft
Wir sind im Bergsteigerdorf Ramsau bei Berchtesgaden unterwegs, die Sonne scheint, die Ramsauer Ache plätschert fröhlich, und überall blühen Wiesen, Sträucher und Bäume. Die leicht hügelige Wiese mit lichtem Baumbestand nennt sich hierzulande „Tratte" – ein Begriff, der in den hiesigen Tälern für ein landwirtschaftlich genutztes, lockeres Waldstück steht. Im Frühjahr und Herbst dürfen hier die Kühe weiden, im Spätsommer wird gemäht, und im Herbst wird das Laub der Bäume gesammelt, um es als Einstreu im Stall zu verwenden.
Hier ist Gittis erster Stopp, wenn sie zwischen Mai und September wöchentlich die Teilnehmer ihrer Kräuterwanderungen durch den Bergkurgarten führt. „Ich bin ein Bauerndirndl aus dem Rupertwinke und als echtes Draußenkind aufgewachsen," lächelt die Frau mit den lebhaften Locken. Ihrer „pflanzenaffinen Mama" verdankt sie, dass sie seit jeher stark mit der heimischen Natur und regional und saisonal typischen Speisen verbunden ist. Durch den bayerischen Jahreslauf mit seinen kirchlichen Hochfesten, den dazugehörigen Bräuchen und Ritualen fühlt sie sich tief in der Region verwurzelt. Gitti hat an der Schnitzschule in Berchtesgaden gelernt und einen Sommer auf der Alm verbracht, wo sie ihr erstes Johanniskraut nach Maria Treben für ihren Vater hergestellt hat. Heute ist sie Mitarbeiterin beim Nationalpark Berchtesgaden, ausgebildete Kräuterpraktikerin – und Mama von drei Kindern.
Es ist ihr ein Herzensanliegen, den Menschen die Natur und die Pflanzen wieder näherzubringen und ihnen ein besseres Gespür für den eigenen Körper und seine Bedürfnisse zu vermitteln. Und da sie nach dem Motto „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." lebt, bietet sie die regelmäßigen Kräuterspaziergänge im Bergsteigerdorf an. Währenddessen sprudelt ihr Wissen wie eine lebhafte Quelle – ganz nebenbei, und dennoch stets interessant und hilfreich. Sie empfiehlt etwa, zu Tomate-Mozzarella statt Treibhaus-Basilikum lieber heimische Gundelrebe zu servieren, die ganz pflegeleicht im Garten wächst und gesund und sicher ist. Oder sie erklärt, wie sich über die Ernährung regulieren lässt: Cholerische Menschen mit „heißem" Temperament sollten viel Gurke essen – oder andere ähnlich kühlend wirkende Nahrungsmittel.
Und schon stehen wir am Kneippbecken des Bergkurgartens. Im Hintergrund zeichnen sich die Gipfel von Reiter Alm und Hochkalter ab, das Wasser des Gebirgsbachs, der das Becken und den Brunntrog speist, plätschert munter vor sich hin. Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch den dichten Wald. Es ist ein lauschiges Eckchen – sofort stellt sich eine wohltuende Ruhe ein. 120 Wasseranwendungen gibt es laut der Kneippschen Lehre, weiß Gitti. Ihr persönlich ist das Tautreten am Morgen beim Gießen im Garten das Liebste. Hier im Bergkurgarten führt Gitti ein Armtauchbad vor und nennt es den „Kneippschen Espresso". Das passt zu ihr, die sich selbst zum „Kaffeebasei" bekennt – eine, die es liebt, in aller Seelenruhe einen Kaffee und einen ausführlichen Ratsch zu genießen. Und tatsächlich: Das kalte Gebirgswasser prickelt auf der Haut, während die Arme langsam eintauchen, und hinterlässt ein erfrischtes, angeregtes Gefühl im ganzen Körper.
„Es ist richtig und wichtig, an manchen Ritualen mit Disziplin festzuhalten. Aber man darf auch nicht zu grob zum eigenen Körper sein – besser immer nachspüren, was er heute wirklich braucht und aushält," gibt Gitti zu bedenken. Deshalb empfiehlt sie den Teilnehmern am Kneippbecken auch nur eine Anwendung: entweder ein Armbad im Trog oder einmal im Storchenschritt durch das Becken. Den Barfußpfad hingegen sollte jeder erlebt haben: Wunderschön angelegt, schlängelt er sich durch den Bergwald, über eine kleine Rundbrücke und abwechslungsreiche Passagen mit Kies, Kieselsteinen, Hackschnitzeln, Sand, Holzscheiben und weichem Waldboden – „eine tolle Erfahrung für alle Sinne," wie Gitti findet.
Weiter geht's zum Gradierwerk. „Die Runde, die wir gehen, ist für alle machbar – ich hatte schon Teilnehmer, die mit Gehhilfen oder im Rollstuhl dabei waren," erzählt Gitti. Der Bergkurgarten ist herrlich angelegt; rings um die kreisförmige Anlage blickt der Besucher auf die Ramsauer Felsmassive. Im hinteren Bereich lockt ein fantasievoller Kinderspielplatz, die große Wiese lädt zum Sonnenbaden ein, und an den Hängen wachsen einheimische Pflanzen, Kräuter und Sträucher. Ein kleiner Wasserfall, ein hübsches Insektenhotel und mehrere einladende Ruheplätze mit Bänken runden das Bild ab. Im Zentrum steht das Gradierwerk mit seinem runden Schindeldach: Hier rinnt traditionell Sole über Reisigbündel aus Schwarzdorn, und wer durch die runde Anlage schlendert, genießt nicht nur Schatten und frisch-kühle Luft, sondern atmet salzhaltige Gebirgsluft ein – und tut seinen Atemwegen damit etwas richtig Gutes.
„Sich mit anderen treffen und austauschen, Spaß haben und gemeinsam lachen,“ das gehört für Gitti eindeutig zur „Lebensordnung“ – einer der fünf Säule in Sebastian Kneipps Lehre. Den krönenden Abschluss bildet deshalb eine gemeinsame Einkehr bei der „Waldquelle". Die gute Zusammenarbeit mit dem Dorfwirt ist Gitti viel wert: „Wunderbar, wie hier im Bergsteigerdorf nach wie vor alles zusammenspielt!"