Berchtesgaden hat wieder eine Hutmacherei

Ein Besuch bei Kornelia Friepeß – der Schellenberger Hutmacherin

Von Blog-Autorin Claudia Schülein

Es zirpen die Grillen laut in der Wiese rund ums Haus, der riesige Schäferhund Quentin folgt, schwerfällig wie ein Bär, aber gutmütig, seiner Besitzerin auf Schritt und Tritt. Der Blick schweift hinauf zum Untersberg und zum Hohen Göll. Wer Kornelia Friepeß zu Hause in Marktschellenberg besucht, ihre Antiquariats- und Flohmarktfunde und die alten Maschinen sieht, könnte meinen, die Zeit stehe still. Und irgendwie – das stellt sich schnell heraus – passt das ganz gut zu dieser Frau. 

Denn Kornelia ist Hutmacherin. Genauer gesagt: Model-Modistin. Und noch genauer: die erste Hutmacherin, die Berchtesgaden seit gut zehn Jahren wieder hat.

Vom Wiener Schloss in die bayerische Bergwelt

Die Geschichte, wie ein Oberösterreicher und eine Niederösterreicherin sich finden, verlieben und schließlich im bayerischen Marktschellenberg heimisch werden, klingt nach einer Romangeschichte. Und vielleicht ist sie das auch ein bisschen. Kornelias Mann arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Salzburger Museum – die Lage von Marktschellenberg ist für ihn wie für die ganze Familie ideal: nah an der Mozartstadt, aber eingebettet in die Berchtesgadener Bergnatur.

2015 bauen die beiden ihr Haus fertig. 2018, 2020 und 2021 kommen die drei jüngeren Töchter zur Welt. Spätestens wenn Kornelias ältere Tochter aus erster Ehe zu Besuch ist, ist das Haus gut gefüllt – und laut, auf die schönste Art.

Für Kornelias handwerklichen Weg müssen wir weiter zurück gehen. Er begann weit weg von hier: an der Modeschule der Stadt Wien im Schloss Hetzendorf. Von damals rund 200 Bewerberinnen und Bewerbern wurden gerade einmal 21 aufgenommen – Kornelia war dabei, blutjung, mit nur 14 Jahren. Es sei immer ihr Traum gewesen, sagt sie mit einem Lächeln, wie eine Prinzessin durch diese Prunkräume zu wandeln und dabei zu lernen. Dass aus dem Traum handfestes Handwerk wurde, beweisen ihre Arbeiten eindrücklich.

Die Ausbildung öffnete ihr Türen, die andere nicht einmal sehen dürfen: So setzte Kornelia nach der Ausbildung Entwürfe des französischen Stardesigners Christian Lacroix für eine Ballettinszenierung des Aschenbrödel an der Österreichischen Staatsoper um – eine Arbeit, die höchste Präzision und ein feines Gespür für die Absicht des Auftraggebers verlangt. Beides, so hat der Star-Franzose ihr bestätigt, hat sie im Überfluss.

Kornelias Hutmacherei – ein Handwerk kehrt zurück

Lange hat Kornelia – neben Jobs, Haushalt und Kindern - geliebäugelt, aber gezögert. Dann, Anfang 2026, war es soweit: Sie mietete Räumlichkeiten an, kaufte Maschinen, und machte sich selbstständig. Seitdem spricht sich herum, was viele schon geahnt hatten: Berchtesgaden hat wieder eine Hutmacherin. Und seit der Eröffnung ihrer Hutmacherei im Februar kann sie sich wahrlich nicht über einen Mangel an Aufträgen beklagen.

Die Trachtler und Weihnachtsschützen der Region kommen mit ihren Hüten - teilweise mit dem alten Hut vom Uropa – zum Reinigen, Auffrischen, Anpassen. Denn was viele nicht wissen: Ein Hut muss nicht wehtun.

Kornelia Friepeß - Hutmacherin

Die traditionellen Rundscheiblinge sind – wie der Name schon sagt – rund. Es ist aber kein Kopf rund. Filz nimmt Feuchtigkeit auf. Schweiß, Regen – all das verändert die Form. Das kann ich sehr wohl bearbeiten

Dampfer und Dehner kommen zum Einsatz, das Material wird weich und formbar gemacht, und dann passt der Hut plötzlich wie angegossen und drückt kein bisschen mehr. 


Das Spektrum dessen, was bei ihr landet, ist beeindruckend: Strohhüte, Kapitänsmützen, die Kopfbedeckung einer nicht-schlagenden Verbindung, ein Zylinder, den sie auf Hochglanz brachte – und einmal sogar eine Mitra. Viele Hüte muss sie vollständig zerlegen: Korpus, Schweißband, Schild und Krempe, Kordeln und Verzierungen werden sorgsam getrennt, gereinigt, restauriert oder ersetzt und neu zusammengefügt. Die Vorher-Nachher-Bilder, die Kornelia zeigt, sprechen für sich: Der Laie erkennt den alten Hut meist gar nicht mehr wieder. Wegwerfen? Niemals. Kornelia macht aus alt neu und bewahrt somit viel Vergangenheit für die Zukunft.
 

Eine Detektivin der Historie

Die Werkstatt selbst hat Kornelia in Salzburg eingerichtet. Dort stehen ihre Maschinen – allesamt alte, fast historische, Geräte, die sie und ihr Mann mit viel Recherche in ganz Europa aufspüren und kaufen. „Die alten Maschinen kann mein Mann als geschickter Praktiker selber reparieren. Wir suchen immer weitere Maschinen, damit wir genügend Ersatzteile haben," erklärt Kornelia. Neuanschaffungen bei den wenigen noch verbliebenen Herstellern traditioneller Hutmacher-Maschinen sind oft unerschwinglich teuer – also suchen sie kreativ und mit dem Blick in die Vergangenheit.

Vergangenes (wieder)entdecken und lebendig erhalten ist ohnehin das, was Kornelia antreibt. „Meine Frau gehört eigentlich ins 19. Jahrhundert," sagt ihr Mann schmunzelnd – weil seine Frau sich so gerne mit Dingen aus der Zeit der Vor- und Frühindustrialisierung beschäftigt. Und tatsächlich fühlt Kornelia sich bei ihrer Arbeit manchmal wie eine Detektivin der Geschichte.

Ein Beispiel: Anfangs konnte sie sich nicht erklären, warum viele alte Damen-Trachtenhüte eine eigenartige Verfärbung im Inneren aufwiesen. Die Lösung stellte sich als ebenso menschlich wie einleuchtend heraus: Viele ältere Trägerinnen hatten sich für Festtage die Haare am Oberkopf mit löslicher Farbe nachgefärbt – weil die angesteckten Zöpfe noch die Haarfarbe ihrer Jugend trugen, das eigene Haar aber längst ergraut war. Der Hut verriet es.

Was kommt als Nächstes?

Kornelia lässt sich derzeit Holzmodeln anfertigen, um künftig nicht nur zu restaurieren, sondern auch neue Trachtenhüte – und eigene Kreationen – herzustellen. Das ist ihr nächster Traum. Auch wenn der Weg dahin seine Tücken hat: Qualitativ hochwertige Filzstumpen als Rohmaterial sind teuer und schwer aufzutreiben. Aber Kornelia wäre nicht Kornelia, wenn sie dafür keine Lösung finden würde – manchmal eine kreative, immer eine handwerklich überzeugende.

Was sie antreibt, lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Sie verbindet ihre Kreativität und ihr Gespür für Farbe und Stil mit dem tiefen Drang, Altes mit Geschichte und Tradition am Leben zu erhalten. Das eine schließt das andere nicht aus – im Gegenteil. Bei Kornelia, der Schellenberger Hutmacherin, verbindet es sich.
 

Die Schellenberger Hutmacherin

Haben Sie einen alten Hut, der neue Aufmerksamkeit verdient? Oder träumen Sie von einer eigenen Kreation? Die Schellenberger Hutmacherin freut sich über Anfragen.

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