Durch Zauberwelten auf die Reiter Alm

Übernachtung auf der Neue Traunsteiner Hütte– ein Paradies für Kinder und Hunde

Von Claudia Schülein

Die heißesten Tage des Jahres – und ausgerechnet dann mit Kind, Kegel und Hund ins Gebirge? Geht, sagten wir uns und sind auf die Reiter Alm aufgebrochen. Die Rucksäcke waren allein wegen der vielen Trinkflaschen ordentlich schwer, trotzdem starten wir tapfer am Nachmittag am Wachterl, dem Gebirgspass zwischen dem Bergsteigerdorf Ramsau und dem angrenzenden Saalachtal. 

Zwar steht die Luft heiß zwischen den Felswänden und im Wald, aber wenigstens haben wir um diese Tageszeit die Sonne nicht mehr direkt im Nacken – die steht schon ganz schräg. Während des Aufstiegs von der Schwarzbachwacht beginnt sie bereits, hinter den Bergrücken an der Eisbergscharte zu verschwinden.

Schritt für Schritt geht es über den Pfad bergauf, über Holzleitern, dicke Wurzeln und Buchenlaub, das durch die vielen Wanderstiefel schon fast pulverisiert ist. Bis wir das Hochplateau der Reiter Alm erreicht haben, braucht es einige Trinkpausen und Motivationssprüche, aber letztendlich ist es geschafft. Und prompt bilden zwei Felsen links und rechts vom Steig ein natürliches Portal, das wir nacheinander durchschreiten, um zwischen Bärenkareck und Zirbeneck in die erste „Zauberwelt" einzutauchen. Daraus entsteht spontan ein Spiel der beiden Zehnjährigen, das uns alle mitreißt. Ständig durchqueren wir Tore zu neuen Welten: eng beieinander liegende Felsen, dicke uralte Baumstämme, wild wuchernde Sträucher, umgestürzte Bäume, die den Weg von oben her einrahmen. Von der Feen- über die Blumenwelt, die Welt der silbernen Blätter, bis hin zur Zwergerlwelt passieren wir mindestens 15 Welten. Eine paradiesische Landschaft hier oben, früher als Alm genutzt, mit Hirschsuhlen und riesigen, uralten Zirbenbäumen. Die saftigen Wiesen sind übersät mit Blumen in allen Farben, der Almrausch beginnt gerade die Hänge pink zu färben. Nach einigem Auf und Ab erreichen wir die kurze „Saugasse", einen Serpentinenweg zwischen zwei Felswänden, und kommen in die mit Latschen überwucherte Ebene, die Zielgerade zur Hütte.

Die Neue Traunsteiner Hütte

Als wir um eine Kurve biegen, flüchtet eine Gams im braunen Sommerfell. Und ganz unverhofft steht die Hütte vor uns. Die Steinwände strahlen die Sonnenwärme des Tages ab wie eine Heizung, viele der kleinen Fenster stehen offen. Die Neue Traunsteiner Hütte liegt am Rand einer herrlichen Almfläche, auf der mehrere Hütten und Almkaser stehen, begrenzt von mächtigen Felsgipfeln. Wir hören Kuhglocken-Geläut, kurz darauf sehen wir auch die Herde, die gemütlich grasend und zufrieden mit ihrer Almidylle dem Sonnenuntergang und ihrem sicheren Stall entgegenzieht. Seit mindestens einer Stunde träumen wir von einem gekühlten Getränk und einem Teller voller gutem Essen – und genau das stellen uns die Wirtsleute kurz darauf auf unseren Tisch auf der Terrasse.

Jessica und Udo Weidner

Die Hüttenwirte der Traunsteiner Hütte

Jessica und Udo Weidner bewirtschaften die Neue Traunsteiner Hütte, die zur Sektion Traunstein des Deutschen Alpenvereins gehört, seit sechs Jahren und lieben das Leben hier heroben. Man merkt, dass diese Hütte auf der Reiter Alm noch ein Geheimtipp ist – das ganze Team hat die Ruhe und Zeit, sich um jeden Einzelnen zu kümmern: freundlich, zuvorkommend, auskunftsbereit. Jeder fühlt sich so wohl, wie es bei einer Hüttenübernachtung in den Bayerischen Alpen sein soll. Jessica und Udo haben nichts gegen Hunde – im Gegenteil, sie haben selbst einen. Ihr Hüttenhund Lui ist ein quirliger Mischling, der ohne Schwanz auf die Welt gekommen ist und sich von jedem willigen Gast eine große Portion Streicheleinheiten holt. Unsere Freunde mit ihrem Hund Charly dürfen das komplette Winterlager mit sechs Schlafplätzen belegen, und Udo plant, einen weiteren Schutzraum der Hütte als Schlafraum für Gäste mit Hund einzurichten. 

Auch der Nachwuchs der wanderfreudigen Gäste liegt den Wirtsleuten am Herzen. Der Anstieg von drei bis vier Stunden ist für jeden gut machbar, weshalb die Neue Traunsteiner Hütte sich bestens für Familien mit Kindern eignet. 

Jessica und Udo Weidner

Außerdem ist das Gelände hier ideal für Kinder. Nirgends steile Abbrüche, und verloren gehen können sie auf dem Almplateau auch nicht. Wir überlegen zwar, vor der Hütte einen Spielplatz anzulegen. Aber eigentlich bietet die Natur hier genug zum Spielen. Da können die Kinder ihrer Fantasie freien Lauf lassen

Kaum ist die Sonne hinter dem Hausberg der Hütte, dem 1.979 Meter hohen Weitschartenkopf, untergegangen, sinken die Temperaturen merklich. Später am Abend holen wir trotz tropischer Hitze im Tal unsere Jacken aus dem Rucksack und genießen ein Glas gekühlten Silvaner, den die Wirtsleute als gebürtige Franken aus ihrer Heimat mitgebracht haben. Unsere Mini-Schlafkammer im obersten Stockwerk unter dem Hüttendach war beim Ankommen noch ein kleines Dampfbad – jetzt zieht angenehm kühle Bergluft herein und verspricht eine wohltuende Nachtruhe. Es ist fast 23 Uhr, bis wir uns endlich in den Hüttenschlafsack einhüllen, denn aus dem Miniatur-Fenster lässt sich der Mond so herrlich beobachten, wie er über den Bergrücken zum Klausbachtal hin aufgeht. Unterhalten tun wir uns nur noch flüsternd, denn ab 22 Uhr ist ja bereits Hüttenruhe.

Schon um 5:30 Uhr morgens ist die Nachtruhe vorbei

– draußen wird es hell, und wir sind neugierig, wie sich die Welt früh morgens hier oben anfühlt. Leise schleichen wir uns zum Zähneputzen und drehen eine Runde um die Hütte. Dem Alm-Morgen wohnt ein ganz eigener Zauber inne: Die hohen Felsgipfel von Wagendrischel- und Stadelhorn sowie Edelweißlahner leuchten in zögerlich warmem Pink, die Kühe sind schon grasend unterwegs und beäugen uns neugierig. Ab 6:30 Uhr gibt es in der Gaststube im ersten Stock Frühstück – ein ansehnliches Buffet lässt keine Wünsche offen, von Müsli über Obst bis hin zu Wurst, Käse und selbstgebackenem Brot steht alles reichlich zur Verfügung.

Recht früh verabschieden wir uns von Jessica, Udo und Hüttenhund Lui und steigen über den Wachterlsteig, über den wir auch gekommen sind, wieder hinab ins Tal

Ein Bad im Hintersee

Die Sonne brennt nun erbarmungslos aus ihrem Zenit auf uns herab, doch wir schreiten kräftig aus, denn ein absolutes Highlight erwartet uns: ein Bad im kalten Bergwasser des Hintersees. Vor der bekannt eindrucksvollen Kulisse des Hochkalters mit der Blaueishütte waten wir ins trotz Rekordhitze kalte Wasser. Welch ein Genuss! So klar, wie das Wasser des Hintersees ist: Stolz können wir auf uns sein, der Hitze getrotzt zu haben – und: Es wird wohl nicht die letzte Übernachtung auf der Neuen Traunsteiner Hütte gewesen sein.

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  • Tourenportal Berchtesgadener Land

    Wachterlsteig zur Neuen Traunsteiner Hütte

    Ramsau
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    • 702 hm
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    Bergerlebnis Berchtesgaden

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    • Natur