Für die Natur, für uns

Eine Botschafterin des Naturgartens

Von Blog-Autorin Claudia Schülein

Der Morgen liegt noch frisch über dem Bergbauernhof in Berchtesgadens Ortsteil Oberau. Drüben leuchtet der sagenhafte Untersberg in der Morgensonne. Der Tau glitzert auf den Wiesen, ein paar feine Wölkchen schweben am blauen Himmel. Hier oben, auf 800, vielleicht sogar 900 Metern Höhe, lebt Karla – die Bäuerin. Eine Frau, der man auf den ersten Blick ansieht, dass sie ihr Leben lang draußen gearbeitet hat. Sie geht ein wenig gebeugt, ihre Hände erzählen von Jahrzehnten in Erde, Wind und Wetter. Im Schlepptau hat sie ihre dreijährige Urenkelin, die lebhaft um sie herumtanzt. Gerade ist Karla auf dem Weg zum rot getünchten Hühnerstall – die „verrückten Biester" warten schon ungeduldig. Als sie die Luke hochzieht, bricht ein kleines Flatter-Chaos aus, sie stürzen alle auf einmal ins Freie an die Futtertöpfe.

Gartenbäuerin Anita Streitfelder

Mitten in dieser quirligen Szenerie steht Anita Streitfelder und lächelt. Die sportliche Frau in praktischer, bequemer Kleidung wirkt ganz vertraut mit dieser Welt – als gehöre sie hierher. Das tut sie in gewissem Sinne auch, auch wenn sie hier nicht wohnt, aber dazu später mehr. Auch ihre Hände verraten, dass ihnen die Gartenarbeit nicht fremd ist. Anita ist ausgebildete Hauswirtschafterin, Kräuterpädagogin, TEH-Praktikerin – das steht für Traditionelle Europäische Heilkunde – und Gartenbäuerin. Seit 2024 ist sie zudem ausgebildete Baumwartin und Naturgarten-Zertifiziererin – Letzteres eine Qualifikation, die im gesamten Landkreis Berchtesgadener Land bislang nur sieben Personen innehaben.

Ein Garten, der lebt

Karlas Naturgarten ist ein Ort, der einen in seinen Bann zieht. Ein dicht bewachsener, bunt blühender Steingarten, zwei kleine Teiche, wildromantisch überbordend blühende Stauden und Sträucher, Steinmäuerchen, Totholzbereiche, locker bepflanzte Beete, Insektenhotels und eine große Kompostieranlage, daneben alte Obstbäume auf einer Wiese – alles fügt sich zu einem harmonischen Ganzen. Blumen, Obst und Gemüse, Stauden und Kräuter – hier ist alles im Einklang. Die Familie hat diesen Ort mit viel Liebe und Geduld gestaltet, und Anita gehört hier mit ins Bild, denn dieser Garten war einer der ersten, die sie als Naturgarten zertifiziert und mit der Plakette ausgezeichnet hat.


Was das bedeutet? Im Naturgarten sind synthetische Pflanzenschutzmittel und Dünger tabu, torfhaltige Substrate ebenfalls – das sind die verbindlichen Grundregeln. Die Bewirtschaftung ist wasser- und bodenschonend. Dazu kommt ein ganzer Katalog an Empfehlungen des Landesverbands für Gartenbau und Landschaftspflege e.V., von denen eine bestimmte Anzahl umgesetzt sein muss. „Es geht nicht darum, perfekt zu sein," erklärt Anita, während wir durch die Anlage schlendern. „Es geht darum, bewusst zu gestalten – für die Natur und für uns."
 

Jede Zertifizierung ist ein Erlebnis

Anita freut sich jedes Mal aufs Neue auf die Zertifizierungsbesuche. Immer zu zweit sind sie unterwegs, jeder gibt seine Bewertung für sich ab, und dann wird das Ergebnis gemeinsam diskutiert. Pro Jahr kommen sie so auf rund 15 Gärten. Und bei jeder nimmt sie etwas mit. Wissen, Erfahrung, manchmal auch eine neue Idee für den eigenen Garten.

Dieser befindet sich in Bad Dürrnberg, gleich hinter der Grenze von Bayern nach Österreich, auf dem Gelände des Hofes ihres Schwiegervaters, den sie und ihr Mann vor einigen Jahren übernommen haben. Von hier präsentiert sich der Untersberg in seiner vollen Breite, und in wenigen Minuten ist man in Berchtesgadens Ortsteil Oberau. Vom Hof aus sieht man die Abfahrtshänge des Skigebiets Zinken, das sich als direkte Verbindung zu den Rossfeld-Skiliften zeigt. Auf dem Gelände rund um den Hof hat Anita ihren eigenen Naturgarten angelegt: Kräutergarten, Gemüsebeete, Beerenstauden, Hochbeete, eine Magerwiese, naturbelassene Wiesenstücke. Hierher lädt sie die Teilnehmer ihrer Kurse ein – denn ihr reichhaltiges Wissen gibt sie leidenschaftlich gerne weiter. An den Hausmauern stehen Eimer mit Tomaten, deren Erde sie mit Schafwolle abgedeckt hat – Schutz gegen die kühlen Nächte. Daneben trocknen Kräuter und Samenstände. Und wer etwas mit nach Hause nehmen möchte, wird drinnen bei Anitas Hofladl-Produkten fündig: selbst hergestellte Marmeladen und Sirupe, handgeschöpfte Seifen und handgemachte Dekorationsartikel.
 

Für die Menschen von morgen

Anita ist nicht nur Zertifiziererin, sondern seit 2023 auch Vorstand im Obst- und Gartenbauverein Oberau. Ihr liegt besonders am Herzen, dass auch Kinder verstehen, wie wertvoll Natur und Artenvielfalt sind. In regelmäßigen Treffen tauschen die Vereinsmitglieder Erfahrungen aus, basteln gemeinsam zu Muttertag und Vatertag, veranstalten ein Gartencafé für Senioren und schnitzen im Herbst gemeinsam Kürbisse. „Wir haben ein sehr gutes Team, und die Aktionen machen allen immer viel Freude," erzählt Anita.

Viele der heimischen Insektenarten seien bedroht oder sogar bereits ausgestorben – das ist für Anita keine abstrakte Information, sondern täglicher Antrieb. Sie weiß, welche heimischen Pflanzen Insekten am meisten anziehen, was sie brauchen, um sich heimisch zu fühlen. „Ich möchte nicht, dass meine Kinder einmal Pflanzen von Hand bestäuben müssen, um etwas ernten zu können – wie es in anderen Teilen der Welt heute schon Realität ist."

Besonders freut sie sich auf die bald anstehende Zertifizierung des Gartens rund um die Rosenhof-Kindertagesstätte in Berchtesgaden. Der ehemalige Stallstadel des idyllischen Ensembles auf dem Weg zum Naturbad Aschauerweiher wurde aufwendig restauriert und im Dezember 2024 eingeweiht. Nun dürfen sich die Kinder in einem eigens angelegten Garten tummeln, der bald als Naturgarten ausgezeichnet werden soll.

Zurück am Hof verabschiedet uns Karla herzlich, die Urenkelin an der Hand. Die Hühner haben sich längst beruhigt und scharren zufrieden im Gras. Es ist ein stilles, stimmiges Bild – und irgendwie das perfekte Sinnbild für das, worum es Anita Streitfelder geht: dass Mensch, Tier und Natur in einem echten Miteinander leben.
 

Anita Streitfelder

Ob Parkanlage, Verkehrsinsel oder der Umgriff eines Kindergartens – wir sind sehr daran interessiert, öffentliche Flächen naturnah zu gestalten. Das motiviert dann hoffentlich auch viele Privatpersonen. Denn jeder von uns kann etwas gegen den Klimawandel tun, kann dazu beitragen, die Artenvielfalt zu erhalten. Egal wie klein oder groß der Garten ist – sogar auf einem Balkon funktionierts

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