Versorgung am Berg

Hinter den Kulissen des Stöhrhauses

Von Christina Stanislaus

Was braucht es eigentlich, damit auf den hochalpinen Hütten abends das Licht brennt und in der Küche der Kaspressknödel gelingt? Damit Wanderer einen sauberen Schlafplatz vorfinden und Toiletten benutzen können? Damit gekühlte Getränke für durstige Kehlen vorrätig sind?

Logistik auf 1.894 Metern

Gabi Schieder-Moderegger, Vorsitzende der DAV-Sektion Berchtesgaden, hat mich aufs Stöhrhaus mitgenommen und mir einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen ermöglicht. Weil der Aufstieg aufs Stöhrhaus zwei Stunden Zeit in Anspruch nimmt, nehmen wir den Hubschrauber. Hubschraubereinsätze kosten richtig Geld und die einzelnen Flüge sind genau geplant und zeitlich abgestimmt: Jeden Dienstag werden die Hütten in Berchtesgaden versorgt – Nationalpark Berchtesgaden, Watzmannhaus und die DAV Sektion Berchtesgaden machen gemeinsame Sache, denn allein der Anflug des Hubschraubers aus Taufkirchen bei München kostet 600 Euro. Um sieben Uhr früh startet der erste Transport von Maria Gern am Fuß des Untersberg. Erst seit drei Jahren fliegt der Hubschrauber zum Stöhrhaus. Vorher erfolgte die Versorgung per Materialseilbahn. Die Anfahrt zur Talstation gestaltete sich beschwerlich, gefährlich und zeitaufwändig. Dazu kamen nicht unerhebliche Kosten für die Instandhaltung.

In drei Minuten auf den Berg

Am Boden breitet der Flughelfer das Netz für den ersten Materialtransport aus. Denn es stehen die letzten Arbeiten an den neuen Trockentoiletten am Stöhrhaus an. Alle packen an, es muss ja schnell gehen, Hubschrauberminuten sind kostbar. Aber zunächst fliegt der Pilot die Handwerker und den Flughelfer hoch – der steigt am Stöhrhaus als erster aus und ist oben für die Abwicklung der einzelnen Flüge zuständig. Keine sechs Minuten später sitze ich mit Gabi im Hubschrauber. Ruckizucki sind wir oben.  Im Tal war ich noch eingewiesen worden, wie ich mich in unmittelbarer Nähe des Hubschraubers zu verhalten habe. 

Ausgefeilte Technik sorgt für Trinkwasser am Berg

Das neue Gebäude mit den Trockentoiletten und dem Winterschlafraum steht ein paar Meter neben dem Stöhrhaus. Oben angekommen zeigt mir Gabi die Technik des Stöhrhauses und fängt bei der Zisterne an. Wasser ist das kostbarste Gut auf dem Berg, das Stöhrhaus hat keine eigene Quelle und somit wird das Regenwasser über die Dachrinnen aufgefangen. Um dafür Trinkwasserqualität zu erzeugen wird das Wasser mit UV-Licht bestrahlt und desinfiziert. Der Füllstand der Zisterne zeigt ein bisschen über 50 Prozent an, der letzte Gewitterregen hat den Wasservorrat wieder etwas aufgefüllt. Daneben ist die Anlage für die Stromerzeugung. Auch hier ist das Stöhrhaus völlig autark aufgestellt. 

Der Kühlraum für die Lebensmittel ist nahezu leer, Hüttenwirt Flo freut sich auf die heutige Lieferung mit den frischen Lebensmitteln. Wir gehen über die Küche zum Gastraum, hier herrscht reger Betrieb, denn eine Pfadfindergruppe hat auf der Hütte übernachtet. Wir gehen weiter zu den Toiletten und Waschräumen: um auf die Wasserknappheit hinzuweisen, hängen Hinweise aus, dass nur die kleine Spülung benutzt werden darf und Wäschewaschen in den Waschbecken untersagt ist. Gabi ist froh, dass am heutigen Nachmittag die Trockentoiletten endlich in Betrieb genommen werden können. 

Trockentoiletten statt Wasserverschwendung

Pro Spülgang werden 7 Liter Frischwasser den Abfluss hinuntergeschwemmt – eine Wasserverschwendung, die die DAV Sektion Berchtesgaden unter der Leitung von Gabi nicht mehr hinnehmen möchte. Daher hat sie sich für die Errichtung von Trockentoiletten eingesetzt. Wir gehen rüber zum neu errichteten Gebäude: hier sind drei Kabinen mit Trockentoiletten errichtet worden. Plumpsklo fällt mir ein, als ich eine der Kabinen öffne. Gegenüber sind zwei weitere Kabinen: ein Pissoir für die Männer und ein Missoir für die Frauen, ähnlich den Strandtoiletten in Italien nur deutlich benutzerfreundlicher: mit Griffen an den Seiten zum Festhalten. 

Denn die Trennung von Fest- und Flüssigstoffen ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Entsorgung der Fäkalabfälle: die Geruchsbelästigung entsteht vor allem durch den Urin und wenn dieser getrennt von den Feststoffen gesammelt wird, stinkt’s halt nicht mehr so. Gabi zeigt mir die momentane Kläranlage der Feststoffe – oja, es stinkt erbärmlich. Künftig funktioniert die Entsorgung wie folgt: Die Feststoffe fallen in Säcke (direkt unter dem Plumpsklo), denen Sägespäne beigemischt werden. Die Säcke werden gelagert und später ins Tal zur fachgerechten Entsorgung geflogen. Die Flüssigstoffe werden gemeinsam mit dem übrigen Abwasser aus Küche und Waschräumen einer biologischen Kläranlage zugeführt. Dort reinigen Mikroorganismen in einem Wirbelbett das Wasser. Und wo befindet sich diese Kläranlage wohl? Richtig, auch oben am Berg, etwas unterhalb des Stöhrhauses. 

Matratzenlager und Hundezimmer

Wir widmen uns dem nächsten menschlichen Bedürfnis: Schlafen! Gabi startet mit mir den Rundgang durch die Schlafräumlichkeiten. Am Stöhrhaus wurde vor zwei Jahren ein Anbau neu geschaffen, nun stehen eine zweite Gaststube, mehr Lagerraum für die Küche und zusätzliche Schlafräume zur Verfügung. In diesem Zuge wurden auch zwei Hundezimmer errichtet, die Mitnahme von Hunden ist ausdrücklich erlaubt! Ich helfe Gabi beim Decken zusammenlegen und Bettlaken glattstreichen. Das schaut alles sehr gemütlich aus, ich muss wohl auch wieder einmal auf einer Hütte übernachten. Abschließend zeigt mir Gabi noch den neuen Winterraum. 

Gabi hat mir einen richtig interessanten Einblick in die Logistik rund um das Stöhrhaus gegeben, kein Wunder, dass Essen und Getränke auf den Hütten ihren Preis haben. Gerade mit Blick auf die teure Technik rund um Strom und Frischwasser aber auch auf die aufwändige Ver- und Entsorgung mittels Hubschrauber ist das für mich nun mehr als gerechtfertigt. 

Und zum Schluss kommt noch das Essen rauf

In Kürze müssten die Lebensmittel für die Hütte raufgeflogen werden. Der Hubschrauber hat in der Zwischenzweit die anderen Hütten versorgt. Für den Nachmittag sind Gewitter angesagt, die Wolken Türmen sich bereits im Norden und ziehen flott heran. Hoffentlich geht sich der Versorgungsflug noch aus! Sonst muss ich nach dem Gewitter zu Fuß runtergehen. Von der Ferne hören wir den Hubschrauber. Zuerst wird die Last am Lastenplatz vor der Hütte abgeladen. Die Handwerker und ich kauern uns in die Mulde neben dem Landeplatz hinter dem Stöhrhaus. Augen zu, hier wird ganz schön viel Staub aufgewirbelt! Alle rein in den Hubschrauber und runter nach Maria Gern – unfassbar, wie schnell das geht. Unten angekommen, packen alle gleich mit an, um den nächsten Versorgungsflug mit Getränken zusammen zu packen. Es ist Eile geboten, es sind schwere Gewitter mit Hagel angesagt. Schon fliegt der Hubschrauber wieder rauf, sechs Minuten später ist er wieder herunten und hat noch einige Passagiere mit. Leider muss für heute Nachmittag die Versorgung abgebrochen werden, der Hubschrauber fliegt weiter nach Salzburg, um im dortigen Hangar Schutz zu suchen. Essen und Getränke sind aber am Stöhrhaus angekommen, Kaspressknödel und Kaiserschmarrn sind gesichert!


Einen Tag später erzählt mir Gabi, dass wenig später ein Blitzeinschlag die Stromversorgung im Stöhrhaus unterbrochen hat – die Crew des Hubschraubers hat also alles richtig gemacht. An dieser Stelle bedanke ich mich noch einmal bei Gabi für den spannenden Vormittag am Stöhrhaus. Bei all ihren Erklärungen und Erzählungen zur DAV Sektion Berchtesgaden und den Hütten fiel mir eindeutig auf und sie bestätigt es mir auch als sie sagt: „Ich liebe meinen Job.“ 

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