Die Jungfrau vom Königssee
Sage vom KönigsseeEinst hat ein junger Bursch aus Salzburg in der Berchtesgadener Gegend um Arbeit nachgesucht. Er fand Aufnahme in einem wohlhabenden Hause und weil er klug und anstellig war, hatte er als Jägerbursch bald sein gutes Auskommen.
Der Hausherr, ein Jäger, war Vater eines hübschen Tochterleins, das Gefallen an dem schmucken Burschen fand, und so fielen beide bald in Zuneigung zueinander und gewannen sich lieb. Da starb auf einmal der Alte, und der Jägerbursch musste das Haus verlassen und weiterziehen, weil man ihn nicht mehr brauchte. Er war trotz seines erhaltenen Lohnes zu arm, um im Ernst daran denken zu können, einmal die reiche Dirn zu ehelichen. Schweren Herzens zog er von dannen und baute sich eine kleine Hütte in der Wildnis der Berchtesgadener Walder am Fuße des Priestersteins. Das muss ein schöner Fleck Erde gewesen sein, denn später errichteten sich dort die Fürstprobste an der gleichen Stelle ihren Sommersitz.
Es war ein Jahr vergangen, als der Bursch einmal gedankenverloren vor seiner Hütte saß und seine Hunde anschlagen hörte, als witterten sie Edelwild in der Nähe. Er stand auf und aufmerksam verfolgte er die Spur des Wildes, entfernte sich weit von seiner Hütte und gelangte schließlich zum ersten Male an die Ufer des Königssees. Von einem Stein am Rande des Sees erfreute er sich an der Schönheit des tiefgrünen Gewässers.
Während er so dasaß, kam auf einmal ein wunderschöner weißer Schwan auf ihn zu geschwommen, der kurz ins Wasser hinab tauchte und als liebreizende Jungfrau im nächsten Augenblick vor ihm stand.
Freundlich grüßte sie den Erschrockenen und fragte, was ihm denn fehle. Der Bursche erzählte ihr von seinem Anliegen, dass er seinen Schatz, die Tochter des verstorbenen Jägers, verlassen musste, weil er zu arm sei, um sie heiraten zu können,
Die gute Fee sprach ihm Mut zu, und sie würde ihm schon helfen. Sie sei die Dienerin eines mächtigen Königs, der in der Tiefe des Sees seine Residenz habe, Er solle ihr nur folgen.
Und der Jüngling ging mit ihr und sie führte ihn zu verborgenen Schluchten und Hohlen und zeigte ihm die Goldschätze des Gebirges. Davon solle er nehmen, soviel er begehre. Das ließ der Jägerbursch sich nicht zweimal sagen, griff mit beiden Händen zu und packte sich die Taschen voll, soviel nur hineinging. Daraufhin führte ihn die Jungfrau wieder zurück zum Ort ihres Zusammentreffens. Und wieder glitt ein Schwan, majestätisch die spiegelglatte Flache des Wassers durchschneidend, über den See da-von.
Nun eilte der glückliche Bursche gleich zu seinem geliebten Mädchen, trug ihr Herz und Hand an und beide wurden durch das Band der Ehe miteinander vereint.
Eine ganze Zeit lang lebten sie froh und zufrieden und dachten in Dankbarkeit an die Jungfrau vom See. Leider blieb ihr gemeinsames Leben nicht so, denn der erst so Glückliche wurde übermütig und vertat sein Hab und Gut leichtfertig in Lustbarkeiten und suchte auch außerhalb seiner Familie sein Vergnügen. Zuletzt kam er in großes Elend und schließlich saß er oft weinend an der Stelle, an der ihm die Jungfrau geholfen hatte. Eines Abends erschien sie ihm wieder und es sollte ihm noch einmal Hilfe zu teil werden.
Dieses Mal geleitete sie ihn aber nicht zu den Goldschätzen, sondern zeigte ihm die Salzlager des Gebirges. Da sollte er schürfen. So geschah es auch, und das Salz blieb eine ergiebige Quelle des Wohlergehens für ihn und seine Nachkommen. Man sagt, er habe Berthold geheißen und seine Söhne hätten nach ihm den Ort ,Berchtoldsgaden" genannt.