Die "Berchtesgadener War" gehört zur traditionellen Handwerkskunst
Seit Erlass der Handwerksordnung im Jahre 1535 werden in Berchtesgaden vielerlei Holzwaren hergestellt. Die Bauern mit ihren Familien besserten sich auf diese Weise ihr kärgliches Brot etwas auf. Hergestellt wurden vor allem einfache, hölzerne Spielwaren und Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs (Löffel, Geschirr, Truhen, usw.). Schon bald haben sich begabte Handwerker anspruchsvolleren Aufgaben zugewandt; Musikinstrumente, wie das Berchtesgadener Fleitl (Holzflöte) und neuerdings das bekannte Alphorn aus Berchtesgaden sind Zeugnisse dieser hohen Handwerkskunst.
Die sogenannte „Perchtsgadner Waar“ – heute „Berchtesgadener War“ genannt - wurde zum Markenartikel seiner Zeit. Tüchtige Verlegerfamilien unterhielten ab dem 16. Jahrhundert internationale Handelsniederlassungen - später auch Messen - wobei der Verkauf von Spielwaren dabei eine bedeutende Rolle spielte. Die schmucken Bürgerhäuser im Markt Berchtesgaden zeugen heute noch von dieser fürstlichen Zeit der Propstei Berchtesgaden, dem kleinsten, aber wohl schönsten deutschen Ländchen, wie viele bedeutende Maler und Schriftsteller bekunden.
Das in aller Welt beliebte Spielzeug mit seinen bunt bemalten Rössln, Docken (Holzpuppen), Miniaturmöbelstücken, Vögeln, Pfeifferln und Gebrauchsgegenständen bezeugen die unverfälschte Tradition, die in liebevoller Kleinarbeit hergestellt wurde. Selbst Leopold Mozart komponierte mit seiner „Kindersinfonie“, eine Lobeshymne auf die Berchtesgadener War, in der das Pfeifferl einen Soloplatz einnimmt.
Im Kleinhandel waren es die sogenannten Kraxenträger, die ihre Berchtesgadener Ware auf dem Rücken weit über das Land hinaus feilboten. Anton Adner, der bekannteste von ihnen, erreichte das biblische Alter von 117 Jahren. Seit 1924 zeigt das Berchtesgadener Heimatmuseum „Schloß Adelsheim“ eine breitgefächerte und umfangreiche Sammlung dieser liebevoll hergestellten Holzerzeugnisse. Heute noch werden nach den 1872 erlassenen Richtlinien die Holzwaren hergestellt. Kunstvoll bemalte Spanschachteln in unterschiedlichsten Motiven und Größen begeistern nach wie vor Gäste und Einheimische. Dies alles findet der Interessierte direkt im Ortskern von Berchtesgaden im Laden der Berchtesgadener Handwerkskunst.
Mit der Industrialisierung schien die Lebenszeit vorangegangener Jahrhunderte zu erlöschen. In Berchtesgaden hatte der Kunstmaler Anton Reinbold eine außergewöhnlichen Idee, um den rückläufigen Absatz wieder umzukehren: 1913 schmückte er den in dieser Region bis dahin kaum bekannten Fichten- bzw. Tannenbaum mit der „Berchtesgadener War“. Der Berchtesgadener Christbaum war damit geboren. Beliebt bei Alt und Jung verkündet er seit mehr als hundert Jahren die Frohbotschaft von der Geburt Jesus Christus. (Franz Schned, Kreisheimatpfleger)